
die dem Idealismus
entgegengesetzte Grundrichtung der Philosophie. Der Materialismus
umfasst alle Weltanschauungen und philosophische Auffassungen, die das
Primat der Materie gegenüber dem Bewusstsein anerkennen und das
Bewusstsein als Sekundäres, von der Materie Abgeleitetes auffassen
(Grundfrage der Philosophie). Materialismus bedeutet, die Natur und die
Gesellschaft so aufzufassen, wie sie wirklich sind; die Tatsachen in
ihrem eigenen, gesetzmäßigen und in keinem erdachten Zusammenhang zu
untersuchen. Der Materialismus besitzt ausgeprägt antispekulativen,
atheistischen und erkenntnisoptimistischen Charakter. Der konsequente
Materialismus ist der dialektisch und historische Materialismus, in dem
der Materialismus mit der Dialektik zu einer untrennbaren organischen
Einheit verbunden ist, der nicht nur die Natur, sondern auch die
Gesellschaft, das Denken eingeschlossen, dialektisch-materialistisch
begreift und somit vollendeter Materialismus ist.
Der
Materialismus entstand mit dem philosophischen Denken, das versuchte,
die Welt auf natürliche Weise zu erklären, im Gegensatz zum
religiös-mythologischen Denken, das die Welt auf das Wirken
übernatürlicher Kräfte zurückführte. Daher ist der Materialismus seit
seiner Entstehung eng mit der Naturerkenntnis und der Wissenschaft
insgesamt verbunden und befindest sich in entschiedenem Gegensatz zu
allen Formen des philosophischen Idealismus und religiösen Denkens. In
der Regel ist der Materialismus geistiger Ausdruck der Bestrebungen
fortschrittlicher sozialer Klassen, Schichten und Bewegungen. Die ersten
materialistischen Anschauungen entwickelten sich lange vor unserer
Zeitrechnung in Indien, China und Griechenland. Den Höhepunkt des
antiken Materialismus bildete die Philosophie des Demokrit, der mit
seiner Auffassung, dass die Welt aus Atomen, aus letzten unteilbaren
Bausteinen, bestehe, die Atomistik begründete. Während des Feudalismus
beherrschte Europa zwar Religion und Theologie das geistige Leben, doch
gingen die Ideen des Materialismus nicht unter. Eine neue Blüte des
Materialismus entwickelte sich auf der Grundlage der entstehenden
kapitalistischen Gesellschaftsformation als geistiger Ausdruck der
Klasseninteressen der aufstrebenden Bourgeoisie in ihrem Kampf gegen die
feudale Gesellschaft und deren Ideologie. Dementsprechend war die von
den bürgerlichen Philosophen geschaffene materialistische Weltanschauung
eng mit der Naturwissenschaft verbunden und gegen Theologie und
Religion gerichtet. Von den englischen Materialisten F. Bacon, T. Hobbes
und J. Locke wurden Erfahrung, Beobachtung und Experiment als die
wichtigsten Erkenntnismittel zur Erforschung der Natur angesehen. Die
auf den Lehren der englischen Materialisten aufbauenden französischen
Materialisten J. O. de La Mettrie, P. H. D. Holbach, C. A. Helvétius und
D. Diderot entwickelten den Materialismus als philosophisches System
weiter. Dieser Materialismus war vor allem an der Mechanik, der
fortgeschrittensten Wissenschaft jener Zeit, orientiert. Die Welt wurde
als ein zusammenhängendes System materieller Körper betrachtet, das sich
in Raum und Zeit gemäß den Gesetzen der Mechanik bewegt und weder zu
seiner Existenz noch zu seiner Bewegung irgendwelche übernatürlichen
Mächte benötigt. Der atheistische Charakter des Materialismus kam bei
den französischen Philosophen besonders klar zum Ausdruck. Die höchste
Entwicklungsstufe des vormarxistischen Materialismus bildete die
Philosophie L. Feuerbach und, daran anknüpfend, die der russischen
revolutionären Demokraten W. G. Belinski, A. I. Herzer, N. G.
Tschernyschewski u. a. Feuerbach erneuerte den Materialismus in
Auseinandersetzung mir dem Idealismus der klassischen deutschen
Philosophie, erweiterte und vertiefte sein naturwissenschaftliches und
erkenntnistheoretisches Fundament.
Der vormarxistische
Materialismus begründete mit dem jeweilig erreichten Wissen, dass im
Verhältnis des menschlichen Bewusstseins zur Natur die Natur das
Primäre, das Ursprüngliche ist. Auf Grund seiner klassenbedingten und
erkenntnistheoretischen Grenzen konnte er die materialistische
Beantwortung der Grundfrage der Philosophie nicht allseitig und
konsequent wissenschaftlich begründen. „Den Hauptmangel des ‚alten’
Materialismus … sahen Marx und Engels darin: 1. dass dieser
Materialismus ein ‚vorwiegend mechanischer’ war, der die neuste
Entwicklung der Chemie und Biologie (in unseren Tagen wäre noch
hinzuzufügen: der elektrischen Theorie der Materie) nicht
berücksichtigte; 2. dass der alte Materialismus unhistorisch,
undialektisch war (metaphysisch im Sinne von Antidialektik) und den
Standpunkt der Entwicklung nicht konsequent und allseitig zur Geltung
brachte; 3. dass man ‚das menschliche Wesen’ als Abstraktum und nicht
als ‚das Ensemble der’ (konkret-historisch bestimmten)
‚gesellschaftlichen Verhältnisse’ auffasste und deshalb die Welt nur
‚interpretierte’, während es darauf ankommt, sie ‚zu verändern’, d. h.,
dass man die Bedeutung der ‚revolutionären, der praktischen Tätigkeit’ nicht begriff.“ (Lenin, Bd. 21, S.41)
Diese Mängel zu
überwinden blieb K. Marx und F. Engels vorbehalten, die als Theoretiker
der Arbeiterklasse mit der Begründung des dialektischen und historischen
Materialismus die Schwächen aller früheren Formen des Materialismus
überwanden. Auf dem Boden des proletarischen Klassenstandpunktes stehend,
gingen sie konsequent materialistisch an die Wirklichkeit heran,
erklärten Natur, Gesellschaft und Denken materialistisch. Unter neuen
historischen Bedingungen entwickelte W. I. Lenin in Verallgemeinerung
der Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften und der praktischen
Erfahrungen des revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse den
dialektischen und historischen Materialismus weiter. Der dialektische
und historische Materialismus ist die höchste Form des Materialismus. Er
ist die Philosophie der Arbeiterklasse!
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