Zitat:

Es setzt sich nur so viel Wahrheit durch, als wir durchsetzen; der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein. - Bertold Brecht, „Leben des Galilei“

Zitat:

Bedrohlich ist das Volk für die Herrschenden, wenn es ohne Furcht ist.“ -Tacitus (römischer Historiker)

Zitat:

Die Furcht vor Übervölkerung tritt stets in Perioden auf, in denen der bestehende Sozialzustand im Zerfall begriffen ist. August Bebel

Montag, 22. Februar 2010

Verlorenes Kulturgut und dessen nachträgliche Instrumentalisierung!

Verlorenes Kulturgut und dessen nachträgliche Instrumentalisierung!
Nun, es ist immer traurig wenn Kulturgut verloren geht. Und so wurden vor 40 Jahren die Reste der Paulskirche in Halberstadt gesprengt. Dieses ist der MZ einen Beitrag wert und dieser ist mit der reißerischen Überschrift: „Bürgerprotest einfach ignoriert“, in der heutigen Ausgabe, Seite 12 zu finden. Die Überschrift ist unterschrieben mit: „Halberstadt galt bis zur politischen Wende 1989 als Synonym für Verfall und Abriss von Häusern, darunter auch Kirchenbauten. Vor 40 Jahren wurde die Paulskirche abgerissen.“
Andere abgerissene Kirchen werden zwar nicht erwähnt, aber immerhin, es wurde der Teufel an die Wand gemalt. Hier in Form der unchristlichen DDR, die sich erlaubte, Ruinen, welche der zweite Weltkrieg hinterlassen hatte, eben auch mal abzureißen, wenn die Eigentümer kein Interesse an diesen mehr zeigten. Dieses war nämlich im Falle der Paulskirche so, welches im Text genauso angedeutet wird, wie die Zerstörung der Kirche im zweiten Weltkrieg.
Ausgehend von der Erstellung eines Bebauungskonzeptes wird festgestellt, dass es auch um den Erhalt der Kirche ging und einige historische Beweggründe werden angeführt. Ein Fotograf hinterließ in seinem Nachlass einige Bilder der Kirche, darunter auch welche von der Sprengung, ist zu erfahren. Darüber hinaus erfährt man einiges über den Widerstand gegen den Abriss und das sage und schreibe „trotz über 600 gesammelte Unterschriften die Sprengung der Kirchenruine nicht mehr“ verhindert werden konnte. (Über 600 Unterschriften, immerhin, um in Quedlinburg einen Volksentscheid gegen den Verkauf der Stadtwerke zu erwirken, waren fast 3000 Unterschriften erforderlich, 6000 sind es geworden, aber das nur am Rande!) Was natürlich in solchen Beiträgen immer wichtig ist, ist, das auch das „Ministerium für Staatssicherheit der damaligen DDR“ seine Finger im Spiel hatte. Im weiteren Text werden einige „Aktivisten des Widerstandes“ genannt und darauf verwiesen, dass es noch eine zweite Aktion gegeben hat, welche aber weniger bekannt ist. Die Initiatoren dieser Aktion „verfassten ein fünfseitiges Protestschreiben“, aus welchen zwei Abschnitte zitiert werden. Diese Zitate sind nicht uninteressant und tragen den damaligen Verhältnissen zum Teil eher Rechnung als der Beitrag in der MZ von heute. Nicht nur aus diesem Grund sind sie es Wert abgeschrieben zu werden: „“Zitat: „Das oft gebrauchte Argument, dass seit Kriegsende nichts zur Erhaltung getan wurde und dass man jetzt eine Entscheidung wolle, hat etwas Gewaltsames. Uns sind zwar nur vage Ideen, jedoch keine ernsthaften Versuche zur Erhaltung der Kirche bekannt. Die Kirche als Institution hat kein Interesse, einmal weil sie das Objekt nicht nutzen kann, zum anderen aus finanziellen Gründen. Aber das darf nicht Anlass zur Beseitigung sein. Die Verantwortung für dieses Baudenkmal liegt bei der Stadt. An die Stadtväter muss der Appell gerichtet werden, die Zeugen der Vergangenheit nicht nur als ökonomische Belastung, sondern als moralische Verpflichtung zu betrachten, besonders deshalb, weil Halberstadt aufgrund seiner baukünstlerischen und städtebaulichen Leistungen nicht nur fortsetzen, sondern durch die Pflege des Erbes auch bewahren …“.““ Im Zitierten kein Wort darüber, dass gerade das historische Stadtzentrum von Halberstadt Opfer der Bomben des zweiten Weltkrieges geworden ist, genauso wie die Kirche selbst. Aber interessant, der Stadt wird die Verantwortung übertragen, nachdem die Kirche als Institution abgelehnt hat den Pflichten als Eigentümer nachzukommen. Obwohl die Amtskirchen in Deutschland während der Zeit des Faschismus oft gemeinsame Sache mit den Faschisten gemacht haben und sich nur wenige Vertreter der Amtskirche in den Widerstand gegen den Faschismus einbrachten, wurde die Kirche als Großgrundbesitzer nach Kriegsende in der DDR nicht enteignet. Aber nicht nur im obigen Fall entzog sich die Kirche ihrer Verantwortung, sondern gerade auch im Sinne des Eigentumsfetischismus des jetzigen Systems. Nicht selten wurde dieses nach Einigung vom Staat übernommen und in einigen Fällen kam es eben auch zum Abriss. Hier die Schuld einzig und allein den politischen Verhältnissen in der DDR anzulasten, ohne die gegebenen Umstände zu berücksichtigen, ist reine Geschichtsverklärung. Am Rande bemerkt, waren solche Vorgänge auch in den alten Bundesländern zu beobachten, und so manches historische Kulturgut fiel der Abrissbirne zum Opfer und das auch ohne vorher Ruine gewesen zu sein.
Unter der Teilüberschrift „Der endgültige Todesstoß“ findet sich ein weiteres Zitat aus besagtem Schreiben: „“an anderer Stelle heißt es: „… auch für die Stadt in ihrer städtebaulichen Gesamtstruktur ist die Paulskirche von Wichtigkeit. Halberstadt bietet nicht nur Einzelbauwerke von Weltruf, sondern stellt auch ein städtebauliches Ensemble von hohem Rang dar. Dieses Ensemble im Sinne unserer Zeit modern zu ergänzen, ist für die Städtebauer eine verantwortungsvolle und schöne Aufgabe. Hierbei hat er Rücksicht zu nehmen auf eine vorhandene städtebauliche Grundstruktur.““ So richtig diese Ansichten auch sind, es sollte nicht vergessen werden diese in ihrer Zeit richtig einzuordnen. Das es Konzepte gab, sicher auch realisierbare, ist eine gute Sache und im Nachhinein wäre es sicher wünschenswert gewesen, wenigstens die Ruine zu erhalten, aber der Stadtrat hat anders entschieden, „Entgegen dem Bürgerwillen“ (über 600 Unterzeichner immerhin, von ca. 45.000 Einwohnern, stellen nach wie vor nur eine verschwindende Minderheit [1,33% der Bevölkerung] da) „entschied sich die DDR-Obrigkeit gegen die Kirche.“ (Nachdem sich die Amtskirche schon gegen die Kirche entschieden hatte.) „Am 14. November 1968 beschloss die Stadtverordnetenversammlung einstimmig den Abriss.“ Und wer den politischen Verhältnissen in der DDR Rechnung trägt, sollte nicht vergessen, dass in der Stadtverordnetenversammlung Vertreter der Verschiedensten Parteien und Organisationen saßen.
Es ist immer wieder verwunderlich wie doch mit Geschichte umgegangen wird, die Folgen des zweiten Weltkrieges (Zerstörung von 82% der Altstadt) werden höchstens am Rande erwähnt, aber jeder alte Stein, jede Ruine, auch als Folge des zweiten Weltkrieges, welche in der DDR abgerissen wurde, wird zum Politikum ersten Ranges erhoben. Da werden nicht nur 600 Unterschriften zum Mehrheitswillen erhoben, es wird auch gern vergessen welche Kulturgüter in der DDR nach dem Krieg wieder aufgebaut und erhalten wurden. Ohne das historische Erbe zu berücksichtigen, welches gerade auch nach dem zweiten Weltkrieg im Ganzen übernommen wurde, sind realistische Einschätzungen einfach nicht möglich. Einzelbeispiele können immer genommen werden, aus dem Gesamtzusammenhang gerissen, vermitteln diese aber maximal ein Zerrbild. Es ist immer möglich die Schuld wunschgemäß zuzuweisen, besonders einfach ist dieses, wenn Widerspruch nicht zu erwarten ist, da der Schuldige nicht mehr existent ist.
Wenn ich heute mit Kulturtouristen spreche, welche neben Quedlinburg eben auch Halberstadt besuchen, so sind diese von Halberstadt meistens enttäuscht. Was durchaus verständlich ist, wenn die immensen Zerstörungen berücksichtigt werden, welche der zweite Weltkrieg hinterlassen hat und mit deren Folgen sich noch nach der Wende beschäftigt werden musste. Ein Verweis auf diese Tatsachen eröffnet den Kulturtouristen einen anderen Blick auf Halberstadt und so manches wird verständlicher. Heute leben wir wieder in dem System, welches den Faschismus hervorgebracht hat, den zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen hat und die Schuld an der Zerstörung von Halberstadt trägt. Heute leben wir in einem Land, welches nach dem Untergang der DDR wieder angefangen hat Kriege zu führen und Zerstörung und Vernichtung über andere Völker kommen lässt. Gegen die Auswirkungen solcher Taten, ist das Sprengen einer Kirchenruine geradezu unbedeutend und ungefährlich. Ja, wie viel Kulturgut wurde durch dieses System und den Kriegen, welche es führte und führt unwiederbringlich vernichtet und wie viel wird wohl noch vernichtet werden?
Es ist traurig um jedes Stück historischen Erbes, da mit seinem Verschwinden auch Spuren verlorene gehen, Spuren, welche vergangene Generationen hinterlassen haben! Genauso verständlich ist es aber auch, dass man sich gegenwärtigen Generationen zuwendet und deren Bedarf die erforderliche Bedeutung beimisst. Nach der Zerstörung von Halberstadt im zweiten Weltkrieg, war es in dieser Stadt erstmal eine vorrangige Aufgabe Wohnraum zu schaffen und nicht Tempel wieder zu errichten. In der DDR gab es ein Wohnungsbauprogramm, es war Ziel das jeder eine erschwingliche Wohnung bekommen konnte, wenn er es wünschte. Letztendlich und abschließend wurde das Wohnungsproblem nach der Wende gelöst. Zwar nicht immer und für jeden erschwinglich, stehen genügend Wohnungen zur Miete bereit, aber nicht weil im Rahmen der Marktwirtschaft mehr Wohnungen gebaut wurden, sondern weil die Bevölkerungszahlen, dank der Marktwirtschaft, rückläufig sind.
Im Gegensatz zu Halberstadt wurde Quedlinburg durch den zweiten Weltkrieg nur unwesentlich in Mitleidenschaft gezogen und verfügt noch über seine historische Alt- und Neustadt. Und auch wenn nach 1990 viel saniert worden ist, und auch schon vor 1990 viel saniert wurde, so ist der verbleibende Sanierungsbedarf nicht unerheblich, dem Staat, oder der Stadt wird man heute kaum einen Vorwurf machen, da es sich meistens um privaten Besitz handelt. Und letztlich, was macht es für einen Sinn ein Objekt zu sanieren, welches anschließend nicht genutzt wird?
Übrigens sind die meisten Kirchen in der DDR dem Verfall durch die Kirche selbst preisgegeben worden, da schrumpfende Gemeinden auch nicht mehr so viele Kirchen brauchten und unterhalten konnten, so wurde das eigene Eigentum oft dem Verfall anheim gestellt. Nach 1990 wurden einige Kirchen saniert, auch in Quedlinburg, die Bevölkerung geht weiter zurück, auch in Quedlinburg, es ist schwer mit dem kulturellen Erbe umzugehen und es entsprechend zu nutzen, auch in Quedlinburg. Und einem jeden sollte bewusst sein, das nicht genutzt Objekte schneller als genutzte Objekte den Weg allen irdischen gehen.



 





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