
Wahrheit:
philosophische Kategorie, welche die Adäquatheit der Erkenntnis, ihre
Übereinstimmung mit dem Erkenntnisobjekt widerspiegelt. Um das Problem
der Wahrheit wurde in der ganzen Geschichte der Philosophie ein heftiger
Kampf zwischen Materialismus und Idealismus geführt. Der Idealismus
betrachtet die Wahrheit entweder als ein selbstständiges ideelles Wesen
(objektiver Idealismus), oder er verlegt sie ausschließlich in die
Sphäre des Subjekts (subjektiver Idealismus) und erklärt sie für die
Übereinstimmung zwischen Bewusstseinsinhalten. Der Materialismus hat
dagegen die Wahrheit auf der Basis der Widerspiegelungstheorie stets als
Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem Erkenntnisobjekt betrachtet.
Wesentlich Grundlagen einer materialistischen Wahrheitsauffassung wurden
bereits durch Aristoteles geschaffen, doch konnte das Wahrheitsproblem
erst auf dem Fundament des dialektischen und historischen Materialismus
umfassend erkenntnistheoretisch geklärt werden. Wahrheit ist die
Adäquatheit der Erkenntnis, die Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem
Erkenntnisobjekt. Sie liegt also weder in den Erkenntnisobjekten (es
gibt keine wahren Gegenstände, Prozesse usw.) noch im Bewusstsein,
sondern in der Beziehung zwischen unserer Erkenntnis, unseren kognitiven
(auf Erkenntnis beruhenden) Abbildern und der erkannten objektiven
Realität. Die allgemeine Bestimmung, dass Wahrheit die Übereinstimmung
der Erkenntnis mit dem Erkenntnisobjekt ist. bedarf der Präzisierung,
wenn wir die Erkenntnis im Hinblick auf ihre verschiedenen Formen, auf
die unterschiedlichen kognitiven Abbilder und deren Rolle im
Erkenntnisprozess betrachten.
Das Problem der
Adäquatheit stellt sich für die verschiedenen Abbildformen in
unterschiedlicher Weise: Die sinnlichen Abbildformen (Empfindung,
Wahrnehmung) sind infolge ihres unmittelbaren Charakters, durch die
Gesetzmäßigkeit ihrer Entstehung bedingt und ihrer Natur gemäß immer
adäquat. Sie sind immer eine relativ adäquate Widerspiegelung der
objektiven Realität und können folglich nicht falsch sein. Anders auf
der Ebene der rationalen Abbildungen: Hier können sich die Begriffe von
der unmittelbaren Verbindung mit der objektiven Realität lösen und in
unterschiedlicher Weise zu Aussagen verknüpft werden. Daher können die
als Aussagen, Aussagenverbindungen und Theorien formulierten
Erkenntnisse adäquat sein oder auch nicht, d. H. wahr oder falsch.
Die
Wahrheit ist also, genauer bestimmt, eine spezifische Form der
Adäquatheit der Erkenntnis, die für Aussagen und darauf beruhende
Erkenntnisformen, besonders Theorien, zutrifft. Sie wird definiert als
Eigenschaft der Aussagen, mit dem widergespiegelten Sachverhalt
übereinstimmen. Das Wahrheitsproblem hat zwei grundlegende Aspekte: „1.
Gibt es eine objektive Wahrheit, d. h., kann es in den menschlichen
Vorstellungen einen Inhalt geben, der vom Subjekt unabhängig ist, der
weder vom Menschen noch von der Menschheit abhängig ist? 2. Wenn ja,
können dann die menschlichen Vorstellungen, die die objektive Wahrheit
ausdrücken, sie auf einmal, vollständig, unbedingt, absolut oder nur
annähernd, relativ ausdrücken? Diese zweite Frage ist die Frage nach dem
Verhältnis zwischen absoluter und relativer Wahrheit.“ (Lenin, Bd. 14,
Seite 116) Unter objektiver Wahrheit versteht die
marxistisch-leninistische Erkenntnistheorie die in Aussagen, Theorien
usw. formulierten Erkenntnisse, die nicht vom Menschen oder der
Menschheit abhängig sind, sondern als adäquate Widerspiegelung der
objektiven Realität einen objektiven Inhalt besitzen. In dem Verhältnis
von relativer und absoluter Wahrheit kommt der historische Charakter der
Erkenntnis zum Ausdruck. In der Erkenntnis erlangen wir objektive
Wahrheit, aber das ist keine endgültige, ewige, absolute Wahrheit, denn
die Erkenntnis der Wahrheit ist ein Prozess der unendlichen Annäherung
des Denkens an das Objekt, das immer tiefer und genauer erkannt wird.
Daher vollzieht sich die Erkenntnis der absoluten Wahrheit in einem
unendlichen Prozess durch die Erkenntnis immer neuer relativer Wahrheit.
Die relative Wahrheit ist eine Erkenntnis, die innerhalb gewisser
Grenzen, mit einem bestimmten Grad von Genauigkeit mit der objektiven
Realität übereinstimmt, jedoch infolge ihrer Abhängigkeit von den
historischen Erkenntnisbedingungen und den Eigenschaften des erkennenden
Subjekts, in mancher Beziehung auch von der ständigen Entwicklung der
Erkenntnisobjekte Elemente des Relativen enthält. Sie wird daher durch
den weiteren Erkenntnisprozess, durch die Vertiefung und Präzisierung
der Erkenntnis verändert. Da jede relative Wahrheit aber andererseits in
gewissen Grenzen eine richtige Widerspiegelung der objektiven Realität,
d. h. objektive Wahrheit ist, enthält sie zugleich Elemente der
absoluten Wahrheit.
Die menschliche
Erkenntnis kann sich der absoluten Wahrheit durch die relativen
Wahrheiten immer weiter nähern, ohne jedoch jemals einen endgültigen
Abschluss zu finden. „Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes
System der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit
den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs
ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, dass die systematische
Erkenntnis der gesamten äußeren Welt von Geschlecht zu Geschlecht
Riesenfortschritte machen kann.“ (Engels, MEW, Bd. 19, S. 206/207) Von
der Definition der Wahrheit streng zu unterscheiden ist das Kriterium
der Wahrheit. Erstere stellt fest, was Wahrheit ist; letzteres
beantwortet die Frage nach der Art und Weise, wie man Wahrheit
feststellt. Das Wahrheitskriterium letzter Instanz, das allen übrigen
Methoden der Wahrheitsprüfung (Beweis, Deduktion, Reduktion,
Entscheidungsverfahren) direkt oder indirekt zugrunde liegt, ist die
Praxis. Mit dem Wahrheitsbegriff dürfen umgangssprachlich Ausdrücke wie
z. B. ein „wahrer Mensch“ oder „wahrhafte Erkenntnis“ nicht verwechselt
werden.
Aus: Kleines politisches Wörterbuch, sechste Auflage, Dietz Verlag Berlin 1986 Seite: 1039/40
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