
Form des gesellschaftlichen Bewusstseins, in der die
objektive Realität, besonders das menschliche Dasein, in verkehrter
Weise widergespiegelt wird. Religion ist eine idealistische Welt- und
Lebensanschauung, in der als primäre Ursache des natürlichen und
gesellschaftlichen Geschehens ein persönlicher Gott (bzw. mehrere
Götter, Geister o. ä.) bzw. unpersönliche übernatürliche Kräfte und
Mächte angesehen werden (Deismus). Am meisten verbreitet sich heute die
monotheistischen Religionen: Christentum, Islam und Buddismus. Besonders
im Christentum fand eine umfassende Institutionalisierung des
religiösen Glaubens durch die Kirche mit allen ihren Einrichtungen
statt. Religion ist stets irrationales Fürwahrhalten von
Glaubensaussagen, ist stark emotional betont und mit Kulthandlungen
verschiedener Art (Opfer, Gebet, Riten) verbunden.
Da im Zentrum jeder
Religion der Glaube an übernatürliche, transzendente Mächte steht, sind
religiöser Glaube und Wissenschaft nicht nur verschiedene, sondern
einander ausschließende Erscheinungen. Der seit Nicolaus Copernicus und
Galileo Galilei offensichtliche Gegensatz zwischen Naturwissenschaft und
christlicher Religion ist somit prinzipieller Natur. Daher mussten
zwangsläufig alle Versuche der Theologie, diesen Gegensatz aufzuheben,
ohne Erfolg bleiben. Dass eine Reihe von bekannten Naturwissenschaftlern
zugleich religiös waren und sind, widerlegt nicht die Unvereinbarkeit
von Naturwissenschaft und Religion, da in keinem Falle nachgewiesen ist,
dass die Religion organischer Bestandteil des wissenschaftlichen
Gedankengebäudes ist bzw. zwangsläufig aus wissenschaftlichen
Erkenntnissen folgt. Vielmehr resultieren die religiösen Vorstellungen
aus Tradition, Erziehung oder Unvermögen, die menschlichen und
gesellschaftlichen Zusammenhänge wissenschaftliche zu durchdringen. Die
religiöse Vorstellungswelt mancher Naturwissenschaftler seht somit
außerhalb ihrer naturwissenschaftlichen Erkenntnis und Denkweise. Daher
ist die auf kirchlicher Seite häufig anzutreffende Berufung auf
„religiöse Naturwissenschaften“ ein unzulässiger Autoritätsbeweis, bei
dem von der wissenschaftlichen Autorität auf die Gültigkeit religiöser
Aussagen geschlossen wird.
Religion lässt sich keineswegs auf Unkenntnis oder
Unwissenheit reduzieren. Ihre wurzeln liegen nicht nur in der
Erkenntnis; vielmehr resultiert ihre Existenz vornehmlich aus der
Ohnmacht der unterdrückten Volksmassen gegenüber der herrschenden
Ausbeuterklasse, ihr Leben den eigenen Interessen gemäß zu gestalten.
Sie resultiert aus gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen für die
Volksmassen „das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt“.
Deshalb ist die Religion für diese Verhältnisse „moralische Sanktion,
ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und
Rechtfertigungsgrund“. In ihr findet das eigentliche menschliche Wesen
seine „phantastische Verwirklichung“. Daher bestimmte Marx die Religion
als den „Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt …
das Opium des Volkes“ (MEW Bd. 1, S. 378). Religion hat somit
vornehmlich ihre historischen Ursachen im Bestehen der
Klassengesellschaft, in der Ausbeutung und Unterdrückung der
Volksmassen. Die soziale Wirklichkeit der Ausbeutergesellschaft erzeugt
jedoch nicht nur das Bedürfnis der Volksmassen nach Religion, sondern
auch die Möglichkeit und das Bestreben der herrschenden Klasse, die
Religion als ideologisches Mittel der Manipulation und der
Rechtfertigung der bestehenden Zustände zu benutzen.
Da Religion auch „Protestation gegen das wirkliche
Elend“ (ebenda) ist, können auch progressive Klassen und Schichten ihre
Kämpfe durchaus in religiösen Gewand austragen. Bis zum 17. Jh. wurden
Klassenkämpfe in Europa generell unter religiösem Vorzeichen geführt.
Heute ist es Notwendig, dass die gemeinsamen sozialen Interessen viele
Werktätige in den Ländern des Kapitals an die Seite der Arbeiterklasse
führen.
Erst im Sozialismus werden mit der Beseitigung der
Ausbeutung, Not, Elend, Unterdrückung die sozialen Wurzeln der Religion
aufgehoben. „Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des
Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks“ (MEW Bd. 1 S. 379).
Die dem Sozialismus adäquate Weltanschauung trägt
notwendigerweise wissenschaftlichen und atheistischen Charakter. Somit
wird sich der dialektische und historische Materialismus immer mehr als
Weltanschauung des ganzen Volkes durchsetzen. „Der religiöse Widerschein
der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die
Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich
durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur
darstellen. Die Gestalt des gesellschaftlichen Lebensprozesses, d. h.
Des materiellen Produktionsprozesses, streift nur ihre mystischen
Nebelschleier ab, sobald sie als Produkt frei vergesellschafteter
Menschen unter deren bewusster planmäßiger Kontrolle steht. Dazu ist
jedoch eine materielle Grundlage der Gesellschaft erheischt oder eine
Reihe materieller Existenzbedingungen, welche selbst wieder das
naturwüchsige Produkt einer langen und qualvollen Entwicklungsgeschichte
sind“ (MEW Bd. 23, S. 94).
Ausbeuterklassen haben die Religion immer dazu
benutzt, die unterdrückten Massen geistig nieder zuhalten. Auch in der
Gegenwart missbrauchen reaktionäre Kräfte die Religion als
ideologisches Mittel, die Werktätigen der Länder des Kapitals von der
Erkenntnis ihrer wahren Interessen und vom Klassenkampf abzuhalten, sie
mit der kapitalistischen Gesellschaft zu versöhnen. Nicht selten
wurde/wird Religion dazu missbraucht, einen Kreuzzug gegen die
sozialistischen Länder zu erzeugen, aber auch gegen andere Länder, sowie
anders Gläubige Menschen. Verantwortungsbewusste religiöse Kreise
wenden sich gegen diesen Missbrauch der Religion und treten für
Verständigung und Frieden ein.
Die Politik der marxistisch-leninistischen Partei
gegenüber religiösen Gemeinschaften und religiösen Menschen ist dem
Hauptziel, der Errichtung des Sozialismus und Kommunismus,
untergeordnet. Die Partei der Arbeiterklasse tritt für volle Glaubens-
und Gewissensfreiheit ein. „Jedem muss es vollkommen freistehen, sich zu
jeder beliebigen Religion zu bekennen oder gar keine Religion
anzuerkennen, d. h. Atheist zu sein, was ja auch jeder Sozialist in der
Regel ist“ (LW Bd. 10, S. 71). Dementsprechend hat die sozialistische
Gesellschaft durch die Trennung von Kirche und Staat sowie durch die
verfassungsmäßigen Rechte aller Bürger die Glaubensfreiheit und die
ungehinderte Ausübung religiöser Kulte. Andererseits beruht die ganze
Politik der Arbeiterklasse auf dem theoretischen Fundament des
dialektischen und historischen Materialismus, der mit keinerlei Religion
vereinbar ist und atheistischen Charakter hat. Doch daraus folgt
keineswegs, dass die religiöse Weltanschauung werktätiger Menschen einer
vertrauensvollen Zusammenarbeit von Marxisten und Gläubigen für die
Beseitigung des Kapitalismus und beim Aufbau einer sozialistischen
Gesellschaft im Wege steht. Die Politik der marxistisch-leninistischen
Partei muss daher konsequent auf die Einbeziehung der religiösen
Menschen in den revolutionären Klassenkampf und die Gestaltung einer
sozialistischen Gesellschaft. „Die Einheit dieses wirklich
revolutionären Kampfes der unterdrückten Klasse für ein Paradies auf
Erden ist uns wichtiger als die Einheit der Meinungen der Proletarier
über das Paradies im Himmel“ (LW Bd.10, S. 74).
Wie praktische Erfahrungen zeigten und zeigen,
bejahten viele religiöse Menschen sozialistische Ideen und den
Sozialismus aus religiösen Motiven heraus, schöpfen aus ihrer Religion
Impulse für eine sozialistische Umgestaltung des gesellschaftlichen
Lebens und arbeiten dabei freundschaftlich mir Marxisten-Leninisten
zusammen.
Die Glaubens- und Gewissensfreiheit schließt
natürlich auch das Recht der Marxisten ein, ihre wissenschaftliche
Weltanschauung aktiv zu vertreten und zu verbreiten und durch
wissenschaftlich-atheistische Aufklärungsarbeit die religiöse
Weltanschauung als eine Form des entfremdeten Bewusstseins zu überwinden
und die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Weltanschauung zu
verbreiten.
Angelehnt an „Wörterbuch Philosophie und Naturwissenschaften“ Dietz Verlag Berlin 1983, Seite 809 -811.
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